Falsche Annahmen...
Montag, der 17. September 2007: ängstliches Erwachen der Sparer auf der ganzen Welt! Die Bilder der vor der Bank NORTHERN ROCK Schlange stehenden englischen Sparer treiben ihnen den Angstschweiß auf die Stirn.
Wer hätte gedacht, dass man im 21. Jahrhundert, im Zeitalter der einheitlichen Rechnungslegungsnormen (IFRS, IAS39, Basler Ausschuss usw.) und der Übertragung der Finanzdaten in Echtzeit, Zeuge eines solchen TV-Spektakels würde, das bestimmte schwarze Zeiten des 19. Jahrhunderts in Erinnerung ruft, z.B. die Zahlungsunfähigkeit der UNION GENERALE (1882), die der französische Schriftsteller Emile Zola in „L’Argent“ (Das Geld) so treffend beschreibt?
Wie ist es möglich, dass dieselben Ursachen zur selben Wirkung führen? Zusammenbruch wenig liquider Aktien („Subprimes“ und CDOs als Ersatz für „exotische Finanzierungen“ dieser Zeit), schlechte Kommunikation zwischen den Banken, allgemeines Misstrauen und – Anleger und Sparer, die den Rosentopf zu spät bemerken.
Nach den schockierenden Bildern – zahlreiche Analysen und Untersuchungen, um herauszufinden, wie die 8größte in der City so vergötterte englische Bank (Kurs innerhalb von 7 Jahren verfünffacht) so rasch und ohne irgendein Vorzeichen Schiffbruch erleiden konnte. Wie kommt es, dass ihr Generaldirektor Brian Applegarth, eben noch genialer Self-Made Man (er startete seine Karriere an der Kassa, ehe er seine eigene „Success Story“ zu schreiben begann) in die Banken-Liquiditätsfalle geriet?
Jede Chronik hat ihre Erklärung. Letztlich aber ist die Realität klassisch: Das Modell der NORTHERN ROCK basierte auf der Überzeugung, dass auf dem Geldmarkt ewiges Vertrauen herrscht! Mit dem unersättlichen Hunger nach Verbriefung strebender Anleger rechnend, glaubte die Bank, sie könne ewig kurzfristige Liquiditäten auftreiben und ihren Kunden langfristige Kredite anbieten (und – ganz nebenbei – satte Gewinne aus dem Zinsgefälle einstecken).
Teilweise ist das Debakel auf die Verwendung neuer, von den modernen Finanzinstituten angebotene Instrumente zurückzuführen, welche auf der Annahme des rationellen Verhaltens der verschiedenen Akteure in einem „effizienten“ Marktes beruhen. Leider zeigte sich wieder einmal, dass die Spielregeln „nicht“ oder zumindest „nicht zu stark“ gerändert werden sollten. Ein wenig Hausverstand und Vernunft müssen unvorhergesehene Ereignisse und das manchmal irrrationale Verhalten der Akteure ausgleichen. Keynes pflegte es so auszudrücken: „Die Irrationalität des Marktes kann länger dauern als Ihre Zahlungsfähigkeit“. Das Vertrauen hat entweder gar keinen Preis…oder einen sehr hohen Preis: Die Kapitalisierung von NORTHERN ROCK fiel innerhalb von 3 Monaten um 90% (6,8 Md€).
Das Bild langer Warteschlangen vor einer Bank scheint denen Recht zu geben, die uns pausenlos daran erinnern, dass die Welt sich nicht mehr im Kreis dreht und der Kapitalismus „gegen die Wand“ läuft. Gewiss, die zehn größten an der Börse notierten Banken der Eurozone haben innerhalb von 3 Monaten nahezu 30 Md€ Kapitalisierung weggewischt... es bleibt aber noch eine Kapitalisierung von 650, die einem Eigenkapital von über 300 Md€ entspricht! Die Finanzwelt hat die Mittel, um damit fertig zu werden und wie immer kommen die Stärksten unbeschadet davon!
In diesem sensiblen Umfeld „atmete“ der Markt sogar „auf“, als UBS endlich einen Verlust von 2,4 Md€ ankündigte. Arme kleine Bank, die in den ersten neun Monaten des Jahres „nur“ 6 Md€ Betriebsergebnis vor Steuer schreiben würde! Die eidgenössische Gelassenheit scheint diesmal doch sehr angeschlagen zu sein.
Widerspruch: eine Lawine von Bildern und Informationen – aber einige amerikanische Banken, die weit besser abschneiden, zum Beispiel GOLDMAN SACHS, eine Geschäftsbank, die für Ihre Aggressivität und Kreativität bekannt ist und die ein Rekord-Quartalsergebnis von 2,9 Md$ verzeichnet. Und – Ironie des Schicksals – genau diese Bank wählte die britische Regierung, um die Krise der NORTHERN ROCK in den Griff zu bekommen.
Die Vorstellung, dass die Störungen auf dem amerikanischen Immobilienmarkt das europäische Bankensystem angreifen würde und dass zur Rettung von einem der Opfer dieser Finanzkreise ein Promotor der modernen Finanzinstrumente, die so wehtun können, herangezogen werden würde ist wahrlich nicht nahe liegend!
Seit dem 18. September erholt sich der europäische Markt wieder. Die Bilder von NORTHERN ROCK waren echt, die Analyse aber falsch. Die Bankenwelt geht nicht unter!