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Haltet den Wolf!
Ein Hirte, der seine Herde hinlänglich weit vom Dorf hütete, trieb ständig folgenden Ulk. Er rief die Dorfbewohner um Hilfe, indem er schrie, dass Wölfe seine Schafe anfallen würden. Zwei- oder dreimal erschreckten sich die Dorfbewohner und kamen hastig aus den Häusern und kehrten hereingelegt dorthin zurück. Schließlich passierte es jedoch, dass die Wölfe wirklich auftraten. Während sie die Herde dezimierten, rief der Hirte die Dorfbewohner um Hilfe. Diese aber, weil sie glaubten, dass er wie gewöhnlich seinen Ulk trieb, scherten sich nicht um ihn. Und so verlor er alle seine Schafe.
Diese Fabel zeigt, dass Lügner nur eins erreichen, nämlich dass man ihnen nicht glaubt, selbst wenn sie die Wahrheit sagen.“
Die Ereignisse, die den Finanzplaneten im Verlauf des Jahres 2008 erschütterten, ließen uns an diese Fabel vom „schlechten Ulk treibenden Hirten“ von Esopus denken. Geschrieben zwischen dem VII. und VI. Jh. vor Christi Geburt, stellt sie eine wundervolle Illustration der Richtigkeit der Worte des Fabeldichters und der Fortdauer der Verhaltensweisen über die Jahrhunderte hinweg dar.
Im Juli 2007 erklärte Chuck Prince, Verwaltungsratsvorsitzender der CITIGROUP, der Financial Times, dass „solange die Musik spielt, müssen Sie sich erheben und tanzen“. 18 Monate später brach die Finanzkrise über die Welt herein und die CITIGROUP verdankt ihr Überleben dem amerikanischen Steuerzahler, der ihr im November Vorzugsaktien von 25 Md$, TARP-Zugang* von 20 Md$ und eine Garantie auf Vermögenswerte von 306 Md$ einräumte.
Durch vieles Glauben und glauben lassen, dass die Finanzquellen unerschöpflich waren, wäre Chuck Prince natürlich nicht in der Lage gewesen, die Notbremse zu ziehen und die Vergiftung und totale Abhängigkeit der Wirtschaft vom Hebeleffekt anzuprangern! Und selbst, wenn er eine Eingebung von Klarsicht gehabt hätte, ist es wahrscheinlich, dass ihm niemand geglaubt und ein vorsichtiger Verwaltungsrat ihn zu Gunsten eines aggressiveren Unternehmensleiters verdrängt hätte.
Ist die Finanzwelt vielleicht ein Fahrrad, auf dem niemand mit dem Pedaltreten aufhören darf?
Es ist frappierend, heute zu erfahren, dass seit 1999 Herr Harry Markopolos die SEC (amerikanische Finanzmarktaufsicht) auf die Machenschaften des Herrn Bernard Madoff in untermauerter Weise (Bericht über 19 Seiten) hinwies, ohne dass man ihn anhörte! Dennoch alarmierte Herr Markopolos die SEC während 6 aufeinander folgenden Jahren … Es ist klar, dass in diesem Fall die Finanzgemeinschaft das „Haltet den Wolf“ willentlich überhörte: die amerikanischen Behörden ermittelten achtmal in
16 Jahren in seinen Aktivitäten, ohne ihm jemals das Handwerk zu legen! Nach dem Geständnis (anfangs schwer zu glauben …) über 50 Md$ angehäufter Verluste seit 30 Jahren lösen sich die Zungen und die Finanzgemeinschaft fragt sich schließlich, wie es zu einem solchen Schwindel kommen konnte!
Der Franzose Jean Monnet (1888-1979) fasste auf seine Weise sehr gut zusammen, was wir alle dunkel empfinden: „Die Menschen akzeptieren den Wechsel nur notgedrungen und sehen die Notwendigkeit nur in der Krise.
Das Platzen von Blasen ist leider nötig, damit flankierende Maßnahmen eingeführt werden, und diese wirren Zeiten werden immer von Enthüllungen über Betrüger begleitet, die von der umgebenden Euphorie profitierten.
Im Jahre 2002 zog die ENRON-Affäre mit ihren reichlich getürkten Konten (schon damals Verluste in Höhe von mehr als 50 Md$) den Einbruch der Märkte und das Misstrauen der Anleger nach sich … Sie schrien schon „dass sie darauf nicht mehr hereinfallen würden“!

Heute ist bei mehr als 30.000 Md$ weltweit vernichteter Börsenkapitalisierung das Vertrauen erneut auf den Finanzmärkten verschwunden. Die Wiederherstellung dieses Vertrauens erfolgt sicherlich durch Transparenz und Einfachheit: back to basics“ wird wieder das Credo des Anlegers. Eine Beteuerung, die uns nur heiter stimmen kann.

 

* Amerikanisches Aktivafinanzierungsprogramm 2008

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