Im Juli 2007 erklärte Chuck Prince, Verwaltungsratsvorsitzender der CITIGROUP, der Financial Times, dass „solange die Musik spielt, müssen Sie sich erheben und tanzen“. 18 Monate später brach die Finanzkrise über die Welt herein und die CITIGROUP verdankt ihr Überleben dem amerikanischen Steuerzahler, der ihr im November Vorzugsaktien von 25 Md$, TARP-Zugang* von 20 Md$ und eine Garantie auf Vermögenswerte von 306 Md$ einräumte.
Durch vieles Glauben und glauben lassen, dass die Finanzquellen unerschöpflich waren, wäre Chuck Prince natürlich nicht in der Lage gewesen, die Notbremse zu ziehen und die Vergiftung und totale Abhängigkeit der Wirtschaft vom Hebeleffekt anzuprangern! Und selbst, wenn er eine Eingebung von Klarsicht gehabt hätte, ist es wahrscheinlich, dass ihm niemand geglaubt und ein vorsichtiger Verwaltungsrat ihn zu Gunsten eines aggressiveren Unternehmensleiters verdrängt hätte.
Ist die Finanzwelt vielleicht ein Fahrrad, auf dem niemand mit dem Pedaltreten aufhören darf?
Es ist frappierend, heute zu erfahren, dass seit 1999 Herr Harry Markopolos die SEC (amerikanische Finanzmarktaufsicht) auf die Machenschaften des Herrn Bernard Madoff in untermauerter Weise (Bericht über 19 Seiten) hinwies, ohne dass man ihn anhörte! Dennoch alarmierte Herr Markopolos die SEC während 6 aufeinander folgenden Jahren … Es ist klar, dass in diesem Fall die Finanzgemeinschaft das „Haltet den Wolf“ willentlich überhörte: die amerikanischen Behörden ermittelten achtmal in
16 Jahren in seinen Aktivitäten, ohne ihm jemals das Handwerk zu legen! Nach dem Geständnis (anfangs schwer zu glauben …) über 50 Md$ angehäufter Verluste seit 30 Jahren lösen sich die Zungen und die Finanzgemeinschaft fragt sich schließlich, wie es zu einem solchen Schwindel kommen konnte!
Der Franzose Jean Monnet (1888-1979) fasste auf seine Weise sehr gut zusammen, was wir alle dunkel empfinden: „Die Menschen akzeptieren den Wechsel nur notgedrungen und sehen die Notwendigkeit nur in der Krise.“
Das Platzen von Blasen ist leider nötig, damit flankierende Maßnahmen eingeführt werden, und diese wirren Zeiten werden immer von Enthüllungen über Betrüger begleitet, die von der umgebenden Euphorie profitierten.
Im Jahre 2002 zog die ENRON-Affäre mit ihren reichlich getürkten Konten (schon damals Verluste in Höhe von mehr als 50 Md$) den Einbruch der Märkte und das Misstrauen der Anleger nach sich … Sie schrien schon „dass sie darauf nicht mehr hereinfallen würden“!
Heute ist bei mehr als 30.000 Md$ weltweit vernichteter Börsenkapitalisierung das Vertrauen erneut auf den Finanzmärkten verschwunden. Die Wiederherstellung dieses Vertrauens erfolgt sicherlich durch Transparenz und Einfachheit: „back to basics“ wird wieder das Credo des Anlegers. Eine Beteuerung, die uns nur heiter stimmen kann.
* Amerikanisches Aktivafinanzierungsprogramm 2008