Wir erinnern gerne an die von John Maynard Keynes* formulierte Vorstellung, welche die Finanzmärkte gleichsetzt mit „von der Presse organisierten Wettbewerben, um die schönsten jungen Frauen aus Hunderten von veröffentlichten Fotos auszuwählen. Der Gewinner ist derjenige Leser, dessen Wahl den fünf meistgewählten Fotos am nächsten kommt. Mit anderen Worten, der Gewinner ist der, der sich dem Gesamtkonsens am besten nähert“.
Kurz gesagt, im Jahre 1936 stellt Herr Keynes fest, dass die Kurse der Börsentitel nicht durch ihren eigentlichen Wert, sondern vielmehr durch die Wahrnehmung bestimmt werden, welche die Marktakteure von ihnen haben. Die beste Strategie für den Anleger besteht folglich darin zu ahnen, was die anderen denken; eine Übung, die umso delikater ist, als, da alle die gleiche Taktik verfolgen, niemand nichts mehr denkt!
Mangel an Mut oder Unfähigkeit, sich in die Zukunft hineinzuprojizieren? Unserer Meinung nach beides. Das Hauptziel desjenigen, der seine Meinung äußert, ist selten zu sagen, was er denkt, sondern vielmehr zu erzählen, was das Wahrscheinlichste ist … Dies tut seinem Ruf keinen Abbruch, vorausgesetzt, dass er nicht aus dem Rahmen fällt. Wie es Marc de Scitivaux (einer der wenigen Wirtschaftsexperten, der die Krise voraussah) ironisch ausdrückt, ist es wie mit der Parität Euro / Dollar: die Wirtschaftler gehen verbissen lange Zahlenspalten durch, um am Ende immer eine Parität vorauszusagen, die fast schon erreicht ist, wenn sie ihre Ergebnisse veröffentlichen.
Dieses Wortgefecht zwischen denen, die sagen, was sie denken, und denen, die wiederholen, was man sagen muss, ist permanenter Stoff für Fragestellungen und Staunen in unserem Team, das sich definitiv in die erste Kategorie einreiht…indem es das Risiko eingeht, sich öffentlich zu irren.
Es muss festgestellt werden, dass die Kenntnis des Unternehmens und der Unternehmer als Grundlage unserer rationellen und von Anlagen unbeeinflussten Methode uns seit zwei Jahren nicht sehr hilfreich war. Da sie für manche eine überholte, für andere eine beschränkte Methode ist, muss man annehmen, dass das Funktionieren als „rationeller“ Anleger zu komplex ist im Börsenwirbel, d. h. einer Periode, in der der Überlebensinstinkt jeder anderen Argumentation vorgeht. Wie es im Jahre 1835 Alexandre de Tocqueville** auf seine Art zusammenfasste: „Eine falsche Idee, jedoch klar und präzise, wird in der Welt immer mehr Überzeugungskraft besitzen als eine richtige, aber komplexe Idee“.
Zweifel ist dagegen nicht erlaubt über das „nachhaltige“ Interesse unserer Wahrnehmung des Unternehmens: außerhalb der Grundkenntnis der Tätigkeiten und der Menschen, die sie ausüben, gibt es kein Heil für den Aktienanleger.
Verblüffendes Beispiel ist die aktuelle Bewertung der Caisses Régionales du Crédit Agricole (vgl. Kommentar bei Echiquier Patrimoine): diese Geschäftsbanken litten unter der großen Misstrauenswelle der Anleger (-50% im Durchschnitt seit 2008) gegenüber dem Bankwesen, ohne jemals an der Tollheit mitgewirkt zu haben, die es in den Abgrund zog. Heute bieten sie eine „nachhaltige“ Rendite von fast 9% und trotz ihres Aufschwungs seit Jahresbeginn (33% im Durchschnitt) sind sie noch NUR 30% ihres Eigenkapitals wert … , das so geblieben ist! Ein Bewertungsunterschied (Ziel 100%?), der sich nur mit der Zeit mildern kann.
Das Verhalten der größten Zahl zu antizipieren, bleibt der „Gral“ aller, die sich nicht damit abgeben wollen, den Mechanismus der Unternehmenswertschöpfung zu begreifen. Die grafischen Analysen, quantitativ oder auch verhaltensbezogen, mehren sich in der modernen Finanzkommunikation. Sie verstärken nur die Bewegungen und reißen eine immer größere Zahl (Kommunikationsmittel verpflichtet) von Anhängern des „spielerischen“ Aspekts des Marktgeschehens mit sich.
„Die Märkte mit steigenden Kursen entstehen aus dem Pessimismus, entwickeln sich in der Skepsis, erreichen ihren Höhepunkt im Optimismus und sterben in der Euphorie“. Mit diesen Worten von John Templeton (1912-2008) schließt sich der Kreis, der dem „rationellen“ Anleger gestattet, sich seiner Fähigkeit sicher zu sein, dem Verhalten der größten Zahl Trotz zu bieten. Vertrauen wir auf die Erfahrung dieses großen Anlegers: der Pessimismus ist auf den aktuellen Märkten noch weit verbreitet … Ziehen wir Nutzen daraus!
* Allgemeine Theorie der Beschäftigung, des Zinses und des Geldes (1936)
** Über die Demokratie in Amerika (1835 und 1840)